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Landflirt.de in der Presse:

Pressemitteilung, SZ vom 2.03.2002

Internet-Kontaktbörse für Landwirte

Liebe im Kuhstall

Wie sich Josef Witteler aus dem Sauerland und Wilma Linders vom Niederrhein gefunden haben


Von Christina Sticht

 

Meinerzhagen – Viele Jungbauern träumen von einer "Claudia Schiffer in Gummistiefeln", aber die ist nirgendwo aufzutreiben und deshalb bleiben sie solo. Das ist Josef Wittelers Theorie zu einem Problem, das in Zeiten von BSE, MKS und Schweinepest leicht untergeht: Jeder dritte deutsche Hoferbe findet keine Frau. Und als Single ist die Arbeit in einem landwirtschaftlichen Betrieb kaum zu bewältigen. Wie immer, liegt’s nicht nur an den wählerischen Männern, sondern auch ein bisschen an den Frauen: "Mit mir tanzen wollten alle, auf den Hof wollte keine", fasst Witteler die Misere zusammen.

Irgendwann hat der Landwirt aus dem Sauerland doch eine gefunden, die nicht nur tanzen wollte – zehn Jahre Ehe, drei Kinder, ein Außenklimastall. Mit seiner Frau hat er den Hof modernisiert und als alles fertig war, haben sie gemerkt, dass sie sich nichts mehr zu sagen hatten. Im August ist die Frau mit den Kindern ausgezogen. Wittelers Leben ging weiter seinen gewohnten Gang. Bis er an einem trüben Herbstabend einsam vor dem Rechner saß und den Kälberverkauf per Internet abwickelte. Plötzlich fand er sich auf der Seite www.landflirt.de wieder. Ein Kontakthof für Menschen vom Land. Die Vorlieben der 900 männlichen Leidensgenossen interessierten den 40-Jährigen weniger. Aber er druckte die Anzeigen aller 304 Frauen aus, die einen Naturburschen fürs Leben suchten. Eine darunter sollte die Richtige sein: Wilma Linders.

Seit Weihnachten verbringt Wilma aus Krefeld jedes Wochenende bei Josef im 300 Kilometer entfernten Genkel, einem Dorf mit sieben Häusern und 47 Einwohnern, das in der Nähe von Meinerzhagen liegt. Immerhin gibt es ein paar Pferde und einen Bach, der durchs enge Tal plätschert. Das letzte Haus an der Straße hat Wilma Linders inzwischen lieb gewonnen – obwohl der Putz abblättert und der mit Schotter bedeckte Hof nicht so aussieht wie in den "Urlaub auf dem Bauernhof"-Prospekten. "Wenn ich aus dem Wohnzimmer-Fenster gucke, bin ich glücklich", sagt sie. "Nichts als Wiese, Wald und Himmel." An diesem Tag sieht man nicht viel, weil es in dicken Flocken schneit. Wenn alles weiter so gut geht, wird sie im Sommer mit ihrer 13-jährigen Tochter zu Josef ziehen. Es ist niemals zu spät, ein neues Leben zu beginnen. Wilma Linders ist eine zupackende Frau, sie arbeitet als Altenpflegerin. Am Wochenende versorgt sie nun die Kälber und die Welpen der Hovawart-Zucht. Ein paar Pfunde habe sie schon verloren, vom Schleppen der 15 Kilo schweren Milchkannen. Zweimal am Tag fegt sie den Hundekot im Welpen-Stall weg. Wilma Linders macht das Spaß. Sie wollte immer schon einen Bauern heiraten. Immer schon sehnte sich das Stadtkind nach der Freiheit auf dem Land. Wenn sie mit Freundinnen frühstücken, shoppen oder ins Kino ging, kam ihr das oberflächlich vor. "Da muss es noch was anderes geben", dachte sie häufig.

Dass sie ihr bisheriges Leben aufgeben will, liegt nicht daran, dass die Verliebtheit ihren Blick trübt. Sie ist keine, die sich in etwas verrennt. Wilma Linders weiß, was sie will und das hat sie auch in der Anzeige formuliert: einen humorvollen, treuen Landwirt zwischen 30 und 50, rote Haare wären schön, Größe 1,80 bis 1,95 Meter, möglichst Nichtraucher. Als Josef ihr die ersten E-Mails schrieb, habe sie gleich gespürt, dass sie miteinander konnten, sagt sie. Bald schickten sie sich täglich fünf Mails, telefonierten Nächte lang. Sie trank dazu Rotwein, er Sekt. Zu Nikolaus schickte Wilma ihm ein Päckchen mit seinem Lieblingstraktor, einem großen "Fendt Vario" mit Silo- Anhänger in der Miniaturausgabe von Siku.

Kurz vor Weihnachten passierte dann etwas Entscheidendes: Sie hatte ihm erzählt, dass sie Weihnachten unterm Plastikbaum feiern wird, weil sie kein Auto hat, um einen Baum zu transportieren. Da stand eines Abends Josef Witteler leibhaftig vor der Tür ihrer Krefelder Mietwohnung. In seinem Golf unten lagen drei selbst geschlagene Blaufichten: eine für Wilmas Tochter Sara, eine für ihren Sohn Sebastian, der bereits in der Ausbildung ist, und eine für sie. "Der hat gedacht, die steht kurz vor der Einweisung. So hab’ ich gezittert", erinnert sich Wilma Linders.

Sie haben beide nicht darauf gewartet, dass das Glück sie eines Tages ereilt: Josef hat mehr als 300 Steckbriefe durchgeackert und jeder, die vom Alter und von der Postleitzahl passte, persönlich geschrieben. Wilma hat sich getraut, ihren Kindheitstraum ernst zu nehmen. Im Moment sehen die Beiden ihre Geschichte noch als kleines Wunder an. Im Moment kann sie noch nichts aus der Fassung bringen. Witteler blättert noch einmal durch seine Mappe mit den 300 Kandidatinnen. Die hat er aufgehoben, obwohl viele "Nieten" dabei gewesen seien: "künstlerisch angehauchte Frauen", die einen "Alaska-Mann" verlangten, und passionierte Reiterinnen, die nur auf einen "Pferde-Millionär" aus waren. Dass seine Freundin nicht von einem Hof kommt, ist ihm egal. Die Zeiten, in denen es beim Heiraten in der Landwirtschaft allein um Hektar ging, seien längst vorbei. Allerdings nicht überall, fügt Witteler hinzu und erzählt eine Episode aus dem Münsterland, wo er in die Lehre ging. Die Tochter eines Bullenmästers habe ihn auf einem Ball mitten auf der Tanzfläche stehen gelassen, weil er nur Milchvieh besitzt, keine Bullen und keine großen Äcker. Darüber kann sich Witteler noch heute aufregen. Auch wenn er seine Empörung hinter Witzen versteckt.

Beim Abschied sagt er dann noch einen Satz, der ihm ganz wichtig ist: "Ein Betrieb steht und fällt mit der Frau, die auf dem Hof ist." Wilma hat sich eine Woche freigenommen. Sie fährt mit Josef und dem Arbeitskreis der Märkischen Landwirtschaftskammer nach Hessen und Thüringen – dort werden sie fünf vorbildliche Milchvieh-Betriebe besichtigen.